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MORALISCHE BEDENKEN

29/10/2018

Schuldgefühle bilden sich aus einem meist halbbewusst empfundenen Mangel an natürlicher Existenzberechtigung aufgrund der Idee eines persönlichen Versagthabens. Sie äußern sich in sehr unterschiedlicher Weise; und scheinen die „Fähigkeit“ der absoluten Camouflage zu beherrschen. Sie sitzen wie ein Filter auf unserem Denken, Fühlen und Wahrnehmen, durch den wir, ohne es zu bemerken, auf uns und auf das Leben schauen. Sind sie vorhanden, was besonders bei traumatisierten und früh ungeliebten Menschen der Fall ist, durchziehen sie wie ein feines Gewebe alle Bereiche unseres Seins und halten jedes Wachstum, jede Heilung, jedes Erblühen von Potentialen von uns fern. Schuldgefühle zeigen sich in durchlaufenden Denkfiguren – mehr oder weniger bewusst – wie:

 

- Ich reiche nicht

- Bei mir reicht es nur für das Nötigste

- Ich bin nicht genug

- Ich bin schuld, dass…

- Die anderen sind schuld, dass….

- Ich fühle mich kleingehalten

- Ich fühle mich nicht anerkannt/nicht wahrgenommen

- Ich schäme mich

- Ich darf nicht empfangen

- Ich bin immer schuld

- Ich muss alles richtig machen

- Ich darf keine Fehler machen

- Ich weiß zwar nicht, was ich falsch gemacht habe, aber irgendwie muss es ja an mir liegen

(...)

 

Nur eine einzige der genannten Denkfiguren reicht aus, um auf das Vorhandensein von Schuldgefühlen hinzudeuten. Menschen mit starken Schuldgefühlen schämen sich oft, verstecken viel von sich vor anderen und neigen dazu, viel Projektionsfläche für die unterdrückte Negativität anderer, bereitzustellen. Kurz: sie tragen die Last anderer, nehmen Verantwortung und „Schuld“ anderer auf sich und werden dann noch oft schuldig gesprochen. 

 

Woher kommen Schuldgefühle?

Menschen mit starken Schuldgefühlen kommen oft aus Familien, in denen sie sich wie ein Fremdkörper gefühlt haben, in denen sie irgendwie „anders“ als die anderen Familienmitglieder waren. Die Betroffenen sind in der Familie häufig die sensibelsten und emotional klügsten gewesen und hatten einen intuitiven Zugang zu den verdrängten Inhalten der anderen Famlienmitglieder und der Familiengeschichte. Um mit diesen Inhalten nicht konfrontiert zu werden; um die familiären Konventionen wahren zu können, reagieren ganze Familien, mehr oder weniger geschlossen mit Abwehr gegen den, der sieht. Das kann für die betreffende Person außerordentlich harte Konsequenzen haben; sie werden aus dem emotional schützenden Raum der Familie ausgeschlossen; werden nur noch versorgt – manchmal auch das nicht mehr – und werden in ihrem oft lebenslangen Bemühen, in den „Schoß“ der Familie aufgenommen zu werden, nicht einmal wahrgenommen. Ihnen wird die Anerkennung für jedwede Leistung verweigert, sie werden nicht wirklich gefördert, sie werden nicht getröstet, oft nicht geliebt und vor allem in ihrer Lebendigkeit und ihrem ganzen Dasein nicht wahrgenommen.

 

Die Familie verweigert den Betreffenden ihre Funktion als Resonanzraum für seine Inhalte und Selbsterfahrung. „Du siehst Dinge, die Du nicht sehen sollst, also sehen wir Dich nicht, damit wir in Deinen Augen nicht sehen müssen, was wir nicht sehen wollen,“ lautet der Subtext. So werden diese Betroffenen zum Behälter für unerwünschte Familieninhalte . Sie haben über viele Jahre kaum eine Chance, diese Last loszuwerden. Nicht selten tragen sie sie ein ganzes Leben. Die Last besteht aus Annahmen, Überzeugungen und Denkkonventionen, aus Familiengeheimnissen, Dingen, die nicht sind, weil sie nicht sein dürfen, aus nichterlösten Schuldgefühlen und Konflikten der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Die Denkkonventionen sind gefärbt von familiären, kulturellen, nationalen und historischen Inhalten. Die Last besteht eigentlich „nur“ aus übernommenen Denkfiguren und verdrängten Inhalten anderer. Das kann man besonders bei missbrauchten, misshandelten und instrumentalisierten Kindern sehen: sie haben die Neigung, die ganze Schuld auf ihre Schultern zu nehmen und die Familie zu entlasten. Das gehört zu den Abwehrmechanismen, die ihnen das Weiterleben und Durchkommen ermöglichen. Oft werden diese Kinder zu lebenslangen Sündenböcken.

 

 

Wie wirken sich Schuldgefühle aus?

Eine der vielen Folgen von Schuldgefühlen ist, dass man die eigenen Grenzen nicht wahrnehmen kann. Wenn man in einer Familie die unausgesprochene Aufgabe hat, einen Teil der Last der anderen zu tragen, geht das nur, wenn man sich selbst nicht richtig wahrnehmen kann. Wenn ein Mensch seine Grenzen spürt, kann man ihn nicht instrumentalisieren. Somit haben Menschen mit starken Schuldgefühlen auch noch das Problem, dass sie nicht wissen, wann sie beginnen ihre eigenen Grenzen zu überschreiten. Folglich werden auch andere diese nicht wahrgenommenen Grenzen überschreiten. Das wirkt sich meist sehr schmerzhaft in Partnerschaften, aber auch in Arbeitsverhältnissen aus. Aber nicht nur das: ohne das Gefühl einer natürlichen Daseinsberechtigung, ist die Aufmerksamkeit immer im Außen bei den anderen, aufgrund des Bestrebens, allen gerecht werden zu müssen, um nicht ganz unterzugehen. Das verhindert, dass ein Mensch mit sich, seinen Wünschen, Bestrebungen und Begabungen im Kontakt ist. Alles, was ihn trägt, froh macht und nährt liegt brach: der Mensch bleibt von seiner Vitalitätsquelle getrennt. Früher hat die Familie unter diesen Voraussetzungen volle Leistung verlangt; später tut der Betroffene es dann selbst. Er wird chronisch unzufrieden mit sich, kann es sich selbst nicht recht machen, hat das Gefühl, es anderen nicht recht machen zu können und hat spürbar oder latent immer ein „schlechtes Gewissen“. Das kann sich auch durch Perfektionismus ausdrücken. Der unbewusste Versuch, die Schuldgefühle und die Last, nicht zu genügen, loszuwerden, zieht sich wie ein feines Gewebe durch alle noch so kleinen und großen Entscheidungen, Haltungen und Befindlichkeiten.

 

Fatalerweise produziert man genau so, neue Schuldgefühle, die man dann wieder loswerden muss. Zudem gibt es eine fatale, meist unbewusste, Verknüpfung, die man nicht los wird. Sie lautet: „Wenn ich schuldig bin, gehöre ich bestraft.“ Die Schuldgefühle können heilen und damit das Bestrafungsbestreben. Nicht aber die Verknüpfung selbst. Solange man nämlich unter Schuldgefühlen leidet, lebt man mit Idee der Bestrafungnotwendigkeit. Schuldgefühle ziehen also ein Selbstbestrafungssystem nach sich. Dieses Bestrafungssystem kann sich durch folgende Erscheinungen ausdrücken; hier ein kleiner Auszug:

 

- überzogene Selbstkritik

- Pedanterie

- überzogene Strenge gegenüber anderen oder sich selbst

- Anklage und Vorwurf gegen andere / sich selbst

- Mobbing & Sündenbockdasein

- Selbsthass

- Sucht (beispielsweise Eifersucht)

 

In diesen Erfahrungen, Haltungen und Grundstrukturen drücken sich Schuldgefühle und Selbstbestrafung aus. Und hier kommt die Vergangenheit immer wieder ins Spiel: in der überzogenen Selbstkritik fühlst du dich unterschwellig wieder so, wie in frühen Jahren. In der Pedanterie erzeugst Du selbst den gleichen Druck, den Du vielleicht gespürt hast, wenn es der Familie recht gemacht werden musste und zwar ohne „Fehler“; die Not, wenn du als kleines Mädchen oder Junge das Herz Deiner Mutter nicht hast erreichen können, wiederholt sich in Beziehungen, in denen der Partner kalt und hartherzig reagiert und dich seelisch quält. So halten Schuldgefühle dich in den alten Erfahrungen fest.

 

Kann man Schuldgefühle „loswerden“?

Ja. Du musst sie erkennen und ihre Entstehung begreifen. Und das gelingt durch die Eigenwahrnehmung. Wenn du nach innen schaust und beobachtest (im Gegensatz zu: über-Dich-nachdenken), dann kommst du zu anderen Fragestellungen und zu anderen Ergebnissen. Früher oder später wirst du erkennen, dass hinter den Schuldgefühlen nichts Wahres oder Substantielles steckt, sondern, dass sie nur aus Denkkonventionen bestehen: ich denke so, weil meine Mutter/Eltern/Familie schon so gedacht hat. Es gibt keine „Wahrheit“ hinter Schuldgefühlen. Man hat sie nicht deshalb, weil man tatsächlich nicht genügt, oder etwas „Schlimmes“ gemacht hat, oder objektiv gesehen, keine Fehler machen darf, sondern man hat sie, weil jemand anderes dich verletzt und/oder missbraucht/misshandelt hat.

 

Ein Leben ohne Schuldgefühle

Wenn Schuldgefühle ausheilen, beginnen sich deine natürlichen Grenzen zu zeigen, die, sobald du sie wahrnehmen kannst, auch von anderen nicht mehr überschritten werden. Entlang deiner natürlichen Grenzen wirst du viel genauer sehen können, was du wirklich willst; du wirst klarer sehen, wo du lang gehen willst und musst. Du wirst deine Bedürfnisse wahrnehmen und deine Grenzen werden dir nicht mehr erlauben, deine Bedürfnisse NICHT zu stillen. Du wirst dich selbst lieben und respektieren; infolge werden es auch die anderen tun. Du wirst aufhören, deine Grenzen als Überreaktion zu pathologisieren und den Psychiater aufzusuchen, weil du etwas nicht kannst oder nicht möchtest. Viele traumatisierte Menschen denken, sie könnten nicht unterscheiden zwischen einer natürlichen Grenze und einer „neurotischen“ Verbiegung. Dabei ist es so, dass der Fall, in dem es sowas überhaupt zu unterscheiden gibt äußserst selten nur vorkommt. Deine natürliche Grundethik wird sich als Leitfaden deutlicher zeigen; du wirst moralisch integerer denken, fühlen und handeln. Du wirst echte Empathie erleben, ein gutes Herz hast du jetzt schon, aber du hast es oft verraten müssen. Das hört auf. Du wirst das tun, was du am besten kannst und am meisten magst; die Quelle deines Potentials, deiner Kreativität und deiner Kraft ist für dich nun zugänglich und immer verfügbar. Du wirst dich vom Leben geliebter, angenommener und getragener fühlen, wenn du nicht mehr unbewusst um deine Daseinsberechtigung kämpfen musst. Du wirst zum erstenmal erfahren, was Vertrauen bedeutet. Du kannst viel mehr leisten, erschaffen und erreichen, weil deine durch Schuldgefühle ohnehin eingeschränkte Kraft, dafür verwendet wurde, andere zu bedienen oder deine unberechenbaren Befindlichkeiten unter Kontrolle zu halten. Du wirst nicht mehr unfreiwillig und gezwungenermassen die Last anderer tragen. Man wird dir keine Energie mehr „rauben“ können. Du wirst nicht mehr emotional reagieren müssen. Der Terror von Schuldzuweisungen, Verurteilungen in alle Richtungen, Eifersucht und jedwede Art von Selbstzerfleischung hören auf. Wenn Schuldgefühle nicht mehr vorhanden sind, enden die „Themen“. Das ständige Reproduzieren alter Traumata, die immer gleichen Wiederholungen der alten Muster enden. Und somit endet auch die oft jahre-und jahrzehntelange Erforschung der Biographie. Wenn Schuldgefühle enden, endet die schmerzvolle Verbindung zu der eigenen Vergangenheit; wird Vergebung in alle Richtungen überflüssig, denn es gibt nichts mehr zu vergeben und verzeihen. Du bist viel glücklicher.

 

Echte, tiefe Empathie und eine integere Ethik können nur ohne Schuldgefühle existieren und: nur wenn Du deine Grenzen spürst, kannst Du frei sein.

 

 

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© 2019 by Maik Jungfleisch

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